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10. Oktober 2010

 

Familiengeheimnisse

und andere Tabus

 

1 / Eine kleine Geschichte der Verbote und der Geheimnisse

Die Uhrvölker geben uns über die Ursprünge der Vorschriften und Verbote in den Gesellschaften Auskunft. Jede Tat ist bei disen kodifiziert. Sobald eine neue Frage aufgeworfen wird, ruft der Schamane des Stamms die Geister der Vorfahren oder das totemisierte Tier um eine Antwort auf die gestellte Frage zu erhalten. Daraus entstehen Vorschriften und Tabus. Anstatt die Übertretungen der Gesetze zu suchen, finden die Menschen eher Schutz unter der Schirmherrschaft dieser Regelung. Man beobachtet heutzutage dieses Verhalten im Konformismus der Mode. Kommen wir nochmal auf die ersten Stämme zurück, die auf ein enges Zusammenleben angewiesen waren. Es gibt kein Unterschied zwischen der Intim- und Sozialsphäre. Außer den Zaubermysterien, existierten die Geheimnisse nicht. Eine neue Entwicklung fand unter den Agrargesellschaften mit starkem Bevölkerungszuwachs statt. Um die Unmittelbarkeit des Gesetzes auszugleichen, unterjochten die gelehrten Kasten die Mehrheit durch einen autoritären und zentralisierten Apparat. Es sind patriarchalische Gesellschaften, in denen Frauen und Kinder dem Ehegatten-Vater zu Gehorsam verpflichtet sind, der selber seiner Hierarchie Gehorsam schuldet. In diesem starren Rahmen, wo Promiskuität und Armut bestimmen (die gesamte Familie lebt im gleichen Raum), sind private und Familiengeheimnisse Randerscheinungen. Der kleinste Vorstoß – der gestohlene Apfel – ist streng bestraft. Alle Taten der Menschen waren bis zur jüdischen Zivilisation klar durchschaubar. Das Staatsgeheimnis war die einzige Ausnahme. Das Christentum brach mit dieser Transparenz. Weil es unmöglich ist die Vollkommenheit des Sohn Gottes nachzuahmen, wollten die Kirchenväter einen Ersatz finden: die Einhaltung der Dogmen sollte maßgebend sein um beim jüngsten Gericht einen Platz im Paradies zusichern. Ferner, das Häresiekonzept spielte eine zentrale Rolle, nicht nur um abwegige christliche Völker – so die gotischen – zu bezwingen, sondern auch um den Glauben eines Jeden zu kontrollieren. Zum ersten mal in der Geschichte der Menschheit werden die intimen Gedanken durch die priesterliche Kaste untersucht. Die Beichte wird deren operativen Ritus um die Übereinstimmung des Gewissens mit den christlichen Dogmen zu überprüfen. 1231 in Köln, 1233 in Toulouse nach den Kreuzzügen gegen die Albigenser, die Inquisition bildet nur die Vorhut der Beichte, die anschließend das Familienleben einer systematischen Kontrolle unterwirft. Sie baut sich zu einem richtigen Nachrichtendienst im gesamten Abendland aus. Zum Heil seiner Seele und zur Beschwichtigung seines Gewissens kann der Christ heimlich seine Sünden beichten. Dies ist im völligen Widerspruch zum Evangelium: « Darum fürchtet euch nicht vor ihnen. Es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was nicht wissen wird. » (Mt 10,26) Während die Kirche Busse fordert, indem die Taten im Hintergrund rücken, ist die Vergebung im allgemeinen gewährleistet, sogar beim Rückfall. Armeen von Heuchler, besonders im bürgerlichen Milieu, baten gegen Geld ihre Dienste, um die Gläubigen zu beruhigen. Der Fortschritt des Bewusstseins wird verhindert durch die Verantwortungslosigkeit der Taten. Sogar das geheime Dialog mit Gott der Reformierten pflegen die Tabus und die Heuchelei. Nach dem Christentum hat sich der Staat zur Aufgabe gemacht unsere Gedanken und Taten zu kontrollieren. Als Beispiel dient die Nazi und Stasi Bespitzelung, die der Jakobiner gefolgt hat. Während das Tabu ein von jedem Mitglied der Uhrvölker bekanntes Verbot war, hat sich sein Sinn zur Untersagung eines Themas verändert. Der im Trend liegende Hedonismus will sich von jeglicher Religion freisprechen und fällt dabei selbst in einem Tabu, indem er die christliche Urheberschaft des augustinischen freien Willen verschweigt. Dagegen hat der Marxismus versucht die Gedanken zu « kollektivieren ». In dem er sich auf Rousseau und Kant stützt, will Michel Clouscard eine Synthese herbeiführen, um den dialektischen und historischen Materialismus mit dem persönlichen Gewissen in Einklang zu bringen, und somit das politische Bewusstsein anzubahnen. Leider hat unsere Gesellschaft nur die Priester durch die psycho-Spezialisten ausgetauscht, die selber durch und durch vom Christentum geprägt sind, und können daher nur selten einen ethischen Blickwinkel zu den Taten zeigen. Ferner ist die « Moral » aus unserem Vokabel gestrichen worden, weil sie reaktionär sei. Es ginge nur darum sich von der Schuld freizusprechen, auch wenn die schlimmsten Verbrechen verübt sind. Wir rechtfertigen unsere Schandtaten durch die Last unseres Elends und ersuchen um Mitleid: Obwohl nur noch wenige die Kirchen besuchen, bleiben die schlechten Seiten des Christentums hartnäckig bestehen. Und so, werden die Verhaltensmuster von Generation zu Generation weitergegeben...

 

2 / Mimetismus oder Widerstand die... reproduzieren

Die millenaristische Autozensur hemmt das Wort, das wahre Wort, dass unser Dasein entschleiern konnte. Es bleiben die Handlungen und die Gesichtsausdrücke, die unsere Seele widerspiegeln. Welcher Gesellschaftsklasse wir auch immer gehören, reproduzieren wir unbewusst ein ganzes Verhaltenskomplex. Das Risiko, zum Beispiel, dass der Sohn eines Alkoholikers selber Alkoholiker wird ist groß, besonders wenn keine adäquate Erziehung dagegen steuert. Unsere gute Eigenschaften, wie musikalische Talente und auch Geschicklichkeiten, werden natürlich weitergegeben. Es sind aber unsere Mängel und unsere Perversionen, die die Hauptlast der Generationsverkettung ausmacht. Warum müssen wir so schwer darunter leiden? den menschlichen Fortschritt unserer Familie hemmen? Das Geheimnis, ins besondere das der Familien, ist der Hauptträger der Stagnation, und sogar der Regression. Das Geheimnis ist das Unbewusste, dass das Unterbewusste in Tat und Sprache verwandelt. Dieses Vorgehen ist stark selbst rechtfertigend, in dem es als Ahnentreue fungiert. Das „Sein“ schließt zu oft der Andere aus (der Ausländer, der Partner oder das Kind). Der Anteil an Analyse ist zu gering. Durch das subtile Spiel des Ungesagte durchsetzt sich somit das dominierende Familienmitglied. Der Paterfamilias oder die Matrone ist deren Urbild. Sie sind eine allgemeine Erscheinungsform. Der Sohn einer Matrone lebt oft mit einer dominanten Frau. Dieser schwache Männertypus kann ja zum Ausgleich einen „Seitensprung“ machen um die unbewusste Schikane zu entgehen. Das andere dominierte Elternteil wird auch eine unauslöschliche Spur in der Anschauungswelt der Kinder hinterlassen. Ein Sohn, der zum Beispiel die Misshandlung der Mutter durch den Vater als ungerecht empfindet, kann sich schwören niemals gewalttätig mit seiner eigenen Frau zu sein, selbst wenn er von ihr gemaßregelt wird. All dies bleibt im allgemeinen unbewusst und ungesagt, und führt zur kollektiven Regression. Man glaubt sich zu widersetzen aber man reproduziert ein Spiegelbild.

 

3 / Diverse Tabus, aber alle sind miteinander verknüpft

Tabus haben sich einer Entwicklung unterzogen: die jugendlichen Mütter, illegitime Kinder oder jene von geschiedenen Eltern bereiten einer Geld, Sex und Macht geführten Gesellschaft keine Angst mehr. Weitere erscheinungen, wie Homosexualität, Untreue, Arbeitslosigkeit oder Handicap verlieren an Kraft. Die Pädophilie kommt endlich ins Gespräch. Inzest, Geisteskrankheit, verstorbenes Kind, Vergewaltigung, Prostitution, Selbstmord, Trinksucht, Drogen, Krebs, usw. sind noch lebendige Tabus. Weil das Christentum die Angst vor dem Tod verbreitet hat, sind die Alten von unserem Alltag sorgfältig ausgegrenzt worden. Ein Senegalese, auf Besuch in Frankreich, hat mir seine Empörung über die Art wie wir unsere Senioren in Heimen entledigen bekundet. Er fragte sich wie die Jugend ohne den Beitrag der Älteren aufwachsen können. Ich habe ihm geantwortet, dass unser Okzident keine Alte mehr braucht. Die Medien haben uns soviel auf Jugend Bewunderung und Unabhängigkeit getrimmt, dass wir es als Normal empfinden uns auf die Alten zu verzichten. Das Altmodische muss verbergt werden, denn es gilt das Imperativ des Augenblicks zu befolgen. Man ratet uns ab an der sozialen und politischen Zukunft zu denken. Es gibt ja Hauptamtliche Politiker dafür: „Warum sollten wir uns die Hände schmutzig machen? sie erledigen doch den Job für uns“. Die bürgerliche Mitbestimmung ist deshalb tabu. Die Elite der Bourgeoisie, Musterschüler der Kirche, hat die politische Rechte gebildet. Sie gibt sich dynamisch und pragmatisch, aber sie möchte nicht daran erinnert werden, dass sie von der Kirche und der Geschäftemacherei ihre Stellung verdankt. Die Linke will sich Fortschrittlich abgeben. Diese schöne Worte verstecken aber Heuchelei und Sektarismus, die es verbieten die Misserfolge zu analysieren und darüber zusprechen. Mit dem triumphierenden Kapitalismus haben sich die Beziehungen zwischen Mann und Frau merklich geändert. Die Frauen benützen ihr „Schönheitskapital“ um ihre gesellschaftliche Rangordnung zu verbessern. Deshalb protzen die Männer mit ihrem Eigentum. In seiner Studie über die Bourgeoisie zeigt Michel Clouscard wie „der freie Wettbewerb dem Liebeswettbewerb zu grundeliegt“, dass von dem erbarmungslosen Gesetz von Angebot und Nachfrage gesteuert wird: „Ein Strebertum des Fleisches“, dass die schöne junge Frauen effizient ausnützen können. Die Männer fliehen sobald sie sich an dem Fleisch gesättigt haben. Geld ist sowohl ein Tabu als auch ein Totem. Unsere Einkommen und Schulden werden geheimgehalten. Wir leben ostentativ auf Kredit. Weil wir nicht aus einer reichen Familie abstammen, müssen wir arbeiten. Die Arbeit selber ist ein Makel, aber unabwendbar, um Geld zu verdienen, ein Haus, ein Auto zu besitzen und die Freizeit zu genießen. Es sind aber nur wenige, die stolz über ihre Arbeit sind. Die meisten mögen sie nicht. Die Arbeit ist Tabu. Die Schule bekräftigen uns auch in unserem Überlegenheitsgefühl in Bezug auf den unterentwickelten Länder. Der Norden hat wohl ein höheres Lebensniveau und die Arbeitsbedingungen sind ja im Süden auch schwerer, aber die dortigen menschlichen Beziehungen dafür besser: weniger Einsamkeit und Stress, mehr Kampf um Gerechtigkeit und ausgeprägte Geselligkeit unter den Armen im Süden. Die Medien sind die wichtigsten Kanäle dieser Desinformation. Das Ausland ist also gewissermaßen Tabu. Die Armut ist ebenfalls ein Makel. Ein Armer, der sich glücklich findet, wird für einen Verrückten gehalten, bestenfalls für einen Sonderling. Es ist komfortabler ihm auszuweichen. Was ist denn die Genealogie unseres Tabusystems? Clouscard sieht den Urheber in der bourgeoisen Kultur, die der Feudalgesellschaft gefolgt hat. Ohne diesen strukturierenden Produktionsverhältnissen zu verneinen, möchte ich ihre zweite „Säule“ anschaulich machen. Die im IV. Jahrhundert vom heiligen Augustinus formulierten Dogmen haben eine grundlegende Rolle in unserem Beziehungssystem gespielt: der freie Wille und die geistigen und materiellen Fortschritte. Sie haben sich zum Individualismus und zum technologischen und Businessgötzendienst weiterentwickelt. Der bourgeoise Kapitalismus ist die Zusammenführung von Christentum und Feudalgesellschaft. Während wir uns frei von Aberglauben abgeben, sind die Tabus nicht weniger Zahlreich als unter der Monarchie ; diese haben sich nur den neuen profanen und religiösen Glaubensrichtungen angepasst und haben in unserem Verhalten sehr starke Wurzeln geschlagen.

 

4 / Die gehemmte Vermittlung

Die Geheimnisse und Tabus sind also am Kreuzweg der Intimität und der formalen und informellen Gesellschaftsregeln. Viele glauben, dass sie lange mit ihren kleinen und großen Verheimlichungen leben können oder sie betreiben üble Nachrede, um sie zu bedecken. Bei menschlichen Probleme benehmen sich Familie und Freunde wie der taube, stumme und blinde Affe. Manche geben als Argument, dass sie nicht die Gegebenheiten von Probleme kennen, die die Anderen betreffen. Als Ausweichmanöver, ratet man einen Besuch beim Psychiater oder bei einem Mönch an. Das wirkliche Zuhören ist mühsam, denn es gibt ein gewisses Verantwortungsgefühl. Durch Spiegeleffekt wird unsere eigene Ethik befragt. Haben wir eine? Können wir sie in Bezug auf einem konkreten Fall aussprechen? Mit der vergangenen Autorität des Geistlichen und des neutralistischen Psychiaters waschen wir unsere Hände, wenn unsere Liebsten auf ein menschliches Problem prallen. In einem System wo der freie Wille sich von den ethischen Grundregeln befreit hat, haben persönliches Interesse und Unbesorgtheit Vorrang auf andere Belange. Das Aufrechterhalten der Machtverhältnisse in einer Familiensippe oder eines Freundschaftskreises lässt die Gerechtigkeit im Hintergrund rücken. Im Widerspruch zu den schönsten erbaulichen Lehren haben wir die schädlichsten Grundsätze verinnerlicht: „Tut was ich sage aber nicht was ich tue“, „Das Recht des Stärkeren ist oft das bessere“, „Der Wolf ist ein Wolf für den Menschen“, usw. Ich habe manches Mal feststellen müssen, dass hinter das sanfte Gejammer einer Scheinheiligen, sich die Argumente des Wolfes verstecken. Derjenige der nicht sehen will, wird sich dennoch gewaltig in den Finger schneiden. Er meint, dass er den Hausfrieden behüten kann, in dem er den Deckel über dem brodelnden Kessel festhalten kann. Wie viel Männer und Frauen, darunter Kinder auch, scheinbar ohne besondere Vorgeschichte und mit respektablem Ansehen, brennen durch, nachdem sie von Wahnvorstellungen geplagt wurden? Die übelriechende Fermentierung der in sich erschlossenen Gedanken, ohne jeglichen ethischen Grundsatz, die manchmal eines manipulierten Ratschlags entstammen, können zur unkontrollierten Gewalt führen. Wir empfinden schon massiv, die von den Medien oberflächlich beschriebene gedrückte Stimmung ohne das ein konkreter und glaubwürdiger Weg vorgeschlagen wird. Ich kann sogar behaupten, dass die heutigen Zustände sich noch bei dieser anhaltenden Lage verschlimmern werden. Sobald unsere materialistische Gesellschaft ausgepumpt ist, werden sich viele abreagieren, weil sie meinen werden, dass sie nichts mehr zu verlieren haben. Um sich nicht in diesen Abgrund fallen zulassen, müssen wir ein neues zwischenmenschliches Beziehungssystem aufbauen.

 

5 / Über den Institutionen, die sich mit der Vermittlung befassen

Untersuchen wir nun die Institutionen, die damit beauftragt worden sind die Konflikte im Okzident zu schlichten. Im Stammeszeitalter waren die Streitfälle bei den großen Versammlungen gelöst: das Thing der Germanen. Die transparente Justiz wurde durch materiellen Ausgleich gesprochen ; in seltenen Fälle wurde für die Verbannung oder die Hinrichtung entschieden. Unter dem Druck der Kirche mussten die Feudalherren die stammesübliche Versklavung abschaffen, die durch die Leibeigenschaft für die große Mehrzahl eingeführt wurde. Diese Feudalherren sprachen die niedere und hohe Justiz. Sie mussten dennoch einige Rechte den bourgeoisen Kommunen gestehen, die unter der Schirmherrschaft des Klerus im Mittelalter gegründet wurden. Der Staat, mit königlichem Symbol, hat zunehmend all diese Gerichtsbarkeiten abgeschafft. Angesichts dieser offiziellen Staatsgewalt, hat der Klerus seine inoffizielle Macht bis ins kleinste Dorf durch die Beichte ausgebaut. Obwohl wir den Gang zum Beichtstuhl verschmähen, stehen wir bis heute noch, was unser Verhalten und das kollektive Unbewusste betrifft, unter dem Einfluss dieser „Gewissenslenkung“. Die politische Gewalt und die Wirtschaftsmacht haben sie für ihre Belange angewandt. Die immense Mehrheit der Bevölkerung findet ganz normal von diesen Institutionen „durchleucht“ zu sein. Für ein paar Cent Rabatt geben wir an der Kasse unsere Ladenkarte. „Big Brother“ stammt eben von der tausendjährige Beichte. Untersuchen wir weiterhin eine informelle Institution, die an die Stelle der Kirche getreten ist: die Psychoanalyse. Ich werde mich was sie betrifft an die Beweisführung von Michel Clouscard anlehnen: „Die Psychoanalyse sagt wohl die Bestandteile der Genealogie des Subjekt-Körper... Sie ist ein enormer Fortschritt für die Erkenntnis [im Vergleich zum Erkenntnismonopol des Beichtvaters]. Sie ist jedoch eine falsche Allgemeinheit, denn dieses konstitutive Spiel des „Ichs“, ist nur das Spiel der bourgeoisen Verhältnisse... Die Wahrheit (der psychoanalysierten Bourgeoisie), erfasst gegen die traditionelle besitzende Bourgeoisie (die viktorianische Kultur), wird dazu beitragen die Politik des Liberalismus zu begründen. Die Psychoanalyse wird sich gegen die Erkenntnis des [Klassen-] Bewusstsein stemmen... Dass draußen der Wirtschaftskrieg wütet, geht der Bourgeoisie nichts an: Sie hat alles abgeschottet, um sich alleine Gedanken über ihren internen Widerspruch zu machen, der aber auf einer sexuellen Problematik eingeschränkt ist... Das [psychoanalytische] „Ich“ ist nur eine Verwaltung des Eros,... eingeschränkt auf die Sexualität des Liberalismus. Der scheinbare Lacan-Deleuze Widerspruch, Gesetz des Vaters-Emanzipation des Sohnes, beeinträchtigt die Funktionstüchtigkeit des Liberalismus in keiner Weise, und dies außerhalb aller traditionellen Referenzen (Religion, Moral, Politik, Staat, Familie). » Gemäß Clouscard ist die Psychoanalyse ein gewaltiges Verbergungssystem des politischen und wirtschaftlichen Bewusstsein. Wenn wir das katastrophale Ergebnis von unserem (psychischen) Gesundheitssystem betrachten, müssen wir den Durchfall der institutionellen Vermittlung feststellen. Es werden wohl Versuche gemacht, die sich als Erneuerungen abgeben. Die systemische Familientherapie möchte in Gegenwart eines neutralen Vermittlers alle Familienmitglieder zusammenführen, aber die Abwesenheit eines Schlüsselmitglieds stumpft des öfteren die Familiendebatten ab. Andere verkaufen „Familienkonstellationen“ mit dazu gehöriger Gruppentherapie: Man sagt seine Vorwürfe an einen Dritten, der als symbolischen Familienmitglied fungiert. Aber das Gesagte ohne situationsbedingte Konfrontation führt zu einer Pseudobefreiung ohne Fortschritt für die Familienbeziehungen. Von dem Beichtstuhl bis zu den heutigen Therapien sind Konstanten festzustellen: ein „Experte“ für leidende Seelen, der sein Zehnt verlangt.

 

6 / Vorschläge um Konflikte zu lösen

Manche werden diese Analyse für übertrieben halten. Diejenigen, die ein komfortables Leben führen und korrekte Familienverhältnisse unterhalten, wollen nichts dramatisieren. Es ist aber eine andere Geschichte für den immer wachsenden Teil, die in einer verzweifelten Lage kommen: Drogen, Psychopharmaka, Tabak, Alkohol, Scheidung, Einsamkeit, Arbeitslosigkeit, Inzest, Selbstmord... betrifft in einer oder anderen Weise die Mehrheit der Bevölkerung. Alle Wirtschaftsindexe, die sehr wichtig in einer materialistischen Gesellschaft sind, zeigen deutlich die Verfallerscheinungen der Gesellschaft. Es ist unbestreitbar, dass unser Wertesystem auseinanderfällt (siehe die Wirtschaftsforschungswebseite Leap2020). Ich bin aber erstaunt festzustellen wie wenig meine Gesprächspartner die familiären und persönlichen Konsequenzen von den stattfindenden Umwälzungen ziehen wollen. Sie sind zu gewaltig. Der Niedergang des Abendlandes ist für die meisten unglaubhaft. Tabu. Ich bin davon überzeugt, dass unser kollektives Bewusstsein wesensgleich mit dem der Römer ist, die nicht in Reich untergehen sehen wollten. Trotz der Schwierigkeit sich in mitten dem Mediengetöse ein Gehör zu verschaffen, werde ich Versuchen Ansatzpunkte zu finden, um die Zwischenmenschliche Verhältnisse zu reformieren. Sobald ein System implodiert, tauchen tatsächlich neue Ideen auf, die dazu beitragen zukünftige Zivilisationen zu errichten. Um ans Ziel zu gelangen, dass manche als überheblich finden wird, möchte ich mich auf einen Autor stützen, der mehr oder minder willentlich falsch verstanden wurde. Die Gründe stehen vor der Hand: er hat den Kampf mit dem schlechten Gewissen des Christentums, der feudalen Zwangsjacke und der Geschäftetreiberei der Bourgeoisie aufgenommen. Nichts desto weniger! Ich möchte hiermit Jean-Jacques Rousseau erwähnen. Nach der Auffassung von Kant, ist er der Newton der Moral. Sein gesamtes Werk befasst sich mit der menschlichen Psychologie. Er hat die Würde und das Elend unserer Verhaltensweise aufgedeckt, um zu zeigen wie sie auf unsere Gesellschaft einwirkt. Weiterhin hat er eine Methode vorgelegt, die beabsichtigt einen „Kulturzustand“ zu erreichen. Rousseau will uns die „Mechanik“ der Intersubjektivität anschaulich machen. Er beabsichtigt damit uns selbst zu verbessern, indem der Andere in den menschlichen Fortschritt eingeschlossen wird; das heißt, unser Bewusstsein fördern. Eher einen Vorgang als einen Zustand. In seinem Liebes-, Familien- und Sozialroman „Julie oder die neue Heloise“, setzt er leidenschaftlich den dramatischen Schauplatz der Problemstellung. Der „Emil“ ist die didaktische Abhandlung über die bewusstseinsbildenden Erziehung. Schließlich, enthüllt er seiner selbst in den „Bekenntnissen“, wo er seine schlechte und gute Taten ins Detail beschreibt und bildet somit die Antithese zur christlichen Beichte: Sie sind eine Analyse seiner selbst ; er bekennt seine Fehler, erbittet nicht Gott sondern den Menschen um Verzeihung. Er besitzt den Mut die Anderen zu begegnen, die Stellvertreter Gottes sind und nicht umgekehrt, wie im Christentum befohlen wird. Rousseau wagt eine wirklichr Revolution, die bis heute noch verkannt ist. Sie setzt sich aus fünf Schritte:

  1. Im Rahmen seiner Beziehungen, analysiert er seine Gedanken und seine Taten. Er versucht den Inhalt der internen und externen Konflikte zu verstehen.

  2. Er drückt seine Probleme aus, damit sein Verstand die Streitpunkte mit seinem Gewissen erkennt.

  3. Er unterbreitet seine Beziehungsprobleme seinen Bekannten und erbittet sie um Rat.

  4. Er bekennt seine Fehler. Wo der Christ Gott um Vergebung fleht, da entschuldigt sich Rousseau bei dem Geschädigten. Wenn es nicht möglich ist, erzählte er seine Untaten in seinen „Bekenntnissen“.

  5. Schließlich ändert er sein Benehmen um sich zu verbessern.

Auch wenn er sich mehrmals in seinen Analysen getäuscht hat, ist seine Vorgehensweise aus mehreren Gründen interessant. Man stellt viel zu oft fest, dass Personen, sogar gebildete, ja selbst welche die den Buddhismus ausgeübt haben, sich die schlimmsten Schnitzer erlauben ohne sich in Frage zustellen.Unser egozentrischer „freie Wille“, von dem Existentialismus befördert, berechtigt anscheinend unwürdige Verhaltensweisen. Gewiss, man kann nicht den Frieden mit der ganzen Welt machen. Gegensätzlichkeiten und Konflikte können bestehen. Aber nur klar ausgedrückte ethische Vorsätze können den Konflikt begründen. Deshalb sollten wir nicht die wichtigen Probleme verschweigen, auf die wir in unserem Umkreis und unserer Arbeit stoßen. In Folge eines aufrichtigen Gedankenvorgangs, sollte man den Mut besitzen, die dornigen Streitpunkte anzusprechen. Es muss ein praxisorientiertes Wort sein, dass einen Fortschritt und eine Korrektur für sich selbst und/oder für den Anderen einleiten sollte. Ich denke an die sehr schöne Szene in der „Julie“, wo Lord Edward sich bei dem Nichtadeligen Saint Preux entschuldigt, weil er die Liebesbeziehung zwischen dem Letzteren und Julie verspottet hatte. Anstatt erniedrigt zu sein, erhebt sich letztendlich der Schuldner. Derjenige der sich nie für seine Verfehlungen entschuldigen kann, glaubt, dass er perfekt sei, was ein schlimmer christlicher Mangel ist, und er wird deshalb niemals erheben können. Wenn trotz unserer Bemühungen, der Partner ausweicht, ist es normal von ihm Abstand zu nehmen. Diese Trennung ist nicht im Ehestand möglich, außer man scheidet. Die Partner sollten sich alles sagen können, damit sie sich annähern. Ich bin der Meinung, dass man den Kindern, entsprechend ihrem Alter, alle Familiengeheimnisse (Vergewaltigung, Inzest, Pädophilie, Alkoholismus, usw.) darlegen sollte. Ohne Schuldgefühle einzureden muss man das Verhalten der Menschen erklären können und dennoch die Verantwortung für die Taten zeigen. Nur so kann dem Teufelskreis ein Ende gesetzt und die moralische Gerechtigkeit erreicht werden, die einen höheren Wert als alle Andere besitzt. Jeder kann sein Benehmen ändern, wenn er es will. Wir haben nur das Problem, dass zu wenige Gesprächspartner fähig sind, einen ethischen Gesichtspunkt über Konflikte zu geben. Um sich eine praktische Psychologiegrundlage zu geben, schlage ich vor, Stätten zu gründen, wo wir anhand einer Moderationsmethode über unsere Probleme debattieren könnten. In keinem Fall sollte eine „heilende“ Institution vom Typ der Psychoanalyse mit entsprechendem Beruf entstehen. Wir sollten eher uns selber für die psychologische Unterstützung von unseren Freunden und Familienangehörigen ausbilden. Wenn wir uns auf den ethischen Grundsätze unserer Zivilisation stützen, können wir einen ethischen Inhalt den Gedanken, den Äußerungen und den Taten geben, um dabei den sterilen Gegensatz von Gut und Böse vermeiden. Für intimere Probleme wird ein Vertrauter den nötigen ethischen Blickwinkel geben können. Bereichert von der Unterstützung eines Dritten, muss man dann wieder „ins kalte Wasser springen“; damit meine ich, dass man mit seinem Kontrahenten sprechen oder ihm schreiben sollte. Ihn fragen und seine Meinung sagen. Wenn die Verständigung nicht sofort eintritt, kann man die Tür offen lassen. Nochmal alleine oder mit einem Freund das Problem überdenken. Endlich, seinen Standpunkt eventuell in Anwesenheit eines Zeugen vortragen, damit man den ethische Rahmen der Beziehung erklären kann. Nur nebenbei erwähnt: als ich diese Zeilen schon geschrieben hatte, bin ich auf ein Bibelzitat (Mt 18, 15-17) gestoßen, das ähnliche Methode empfiehlt. Dieser Vorgang besitzt den Vorteil, dass das Emotionale durch Gefühle ersetzt werden, die von moralischen Grundsätze gestärkt werden. Somit werden menschliche Beziehungen nicht durch Emotionen oder Konstellationen bestimmt. Sie können sich auf der soliden Basis der Menschenrechte und -pflichte entfalten. Wenn wir weiterhin den Dingen nicht ins Gesicht sehen und das Emotionale und Unbewusste gewähren lassen, werden wir unweigerlich in den Abgrund gezogen sein. Trotz der immensen Schwierigkeit unser Beziehungssystem zu ändern, bin ich überzeugt, dass eine bessere Gesellschaft bei der Anwendung der hier oben vorgetragenen Grundsätze hervorkommen wird.

 

Kleines Leseverzeichnis

Jean-Jacques Rousseau, Julie ou la nouvelle Héloïse, 1760 ; l'Émile ou de l'éducation, 1762 ; Les Confessions, 1770

Michel Clouscard, De la modernité Rousseau ou Sartre, Messidor, 1985 ; Critique du libéralisme libertaire, 2005

Laboratoire Européen d'Anticipation Politique www.leap2020.eu

 

Nachspiel

Nach der Konferenz „Familiengeheimnisse und andere Tabus“, möchte ich mich bei den Teilnehmer bedanken, besonders bei denen die an der Debatte teilgenommen haben. Sogar die heftige Kritik ist willkommen gewesen. Manche meinten, dass das Thema verfehlt war, weil meine Konferenz sich nicht mit den Familiengeheimnisse befasst hätte. Andere fanden, dass ich eine zu große Vielfalt an Tabus (soziale, religiöse, politische, wirtschaftliche, usw.) angesprochen habe. Weitere waren nicht mit meiner radikalen Kritik der Institutionen einverstanden. Dafür hat eine andere Gruppe meinen Vortrag gemocht. Eine Person ins besondere, die am Anfang mich freimütig kritisiert hat, übernahm anschließend den ganzen ersten Teil der Konferenz, um zu erklären, dass ich den Ursprung unserer Tabus ermittelt hatte: Aus welchen geschichtlichen Gründen wir schweigen.

Ohne mir selber einen Lorbeerkranz aufzusetzen, den ich bei weitem nicht verdiene, denke ich, dass der Titel der Konferenz mit der Suche nach den Gründen unseres Schweigens im Einklang steht. Die Tabus sind definiert worden. Dennoch wäre es akkurater gewesen, die Geheimnisarten zu unterteilen. Unter den Geheimnissen, muss man zwischen den von uns unbekannten von denen die von einer kleinen Gruppe – meistens von der Familie – geheimgehalten werden. Sie sind in der Regel beschämend. Auch wenn die Geheimnisse der ersten Art schwer zu ertragen sind, kann man sie nicht direkt anpacken. Sie provozieren oft irrationale Ängste. Die Geheimnisse der zweiten Art können uns zu denen der ersten Art rückführen. Es sind, zum Beispiel, die ausgesprochenen Beleidigung zwischen Eheleute, das Zanken der Geschwister, Alkoholismus, Krankheit, die eine Spannung oder eine Flucht provozieren, ein Todesfall, usw. Wir haben alle, zu minderst eine verbale Gewalt erlebt. Aber das tabuisierte Geheimnis ist nur interessant, wenn wir uns von ihm befreien. Es ist zwecklos daraus eine obsessionelle Festbindung zu machen, die nur Stagnation verursacht.

Wie ich es während der Debatte sagte, führen die Geheimnisse der zweiten Art zu Konflikte. Es ist wie Arianes Faden. Was machen wir damit? Weil er Zornrot ist, müssen wir uns darauf stürzen? Beunruhigt von den anscheinend Gefahren verbergenden Labyrinth, wollen Andere den Faden lieber ignorieren. Und dennoch, es genügt den Faden zu beobachten, ihn allmählich versuchen zu zähmen. Endlich, nach einer Zeit der Überlegung, Mut schöpfen und den Faden Schritt um Schritt zurückverfolgen. Bewaffnet mit dem leuchtenden mythischen Schwert, der Vernunft und sittliche Werte symbolisiert, können wir der innigen oder der uns gegenüberstehenden Bestie trotzen. Da wir nicht vom gleichen Schrot wie Theseus sind, der den Minotaurus bezwang, können wir uns zumindest einen Stückweg von unseren Freunden begleiten lassen. Jene sollten nicht aus Sympathie mit uns leiden, sondern mit Hilfe der Empathie uns zuhören können, einer Haltung mit sittlichem Inhalt und interaktiver Autonomie. Für gewöhnliche Leidenserscheinungen, sollte man den beschriebenen Vorgang nicht als eine Arbeit, sondern als eine zur Freizeit gehörenden Betätigung betrachten. Die Professionelle Betreuung sollte nur den schweren Fällen vorbehalten sein. Bevor wir darauf greifen, sollten wir aufmerksame Freunde sein, die ihren menschlichen Verstand gebrauchen können.

Ich möchte auch begründen, weshalb ich auch die anderen Tabus (kulturelle, wirtschaftliche, politische, usw.) angesprochen habe. Wir sind kein „unabhängiges System“, frei von allen externen Gebilden. Wie ich es schon geschrieben habe, sind die Geheimnisse und Tabus ein Bindeglied zwischen Intimes uns Soziales. Menschen, die in privaten Angelegenheiten mit der Angst, mit dem Irrationalen leben, sind ein gefundenes Fressen für die, die ihre Angstzustände ausnützen können. Davon gibt es Legionen: vom Politiker bis zu den wirtschaftlichen und staatlichen Interessen (Bank, Großhandel, Verwaltung, usw.). Ich werde ein Beispiel aus meiner Familie nehmen, um diese Behauptung sinnbildlich zu machen. Meine deutsche Großeltern übten unzulässigen Druck auf ihre Kinder (Ausschluss für die eine, im Stich lassen für den Anderen und Bevorzugung für den Ältesten). Während der schrecklichen Wirtschaftskrise der Zwanziger, verehrte meine Großmutter Hitler und unterstützte den Nazistaat. Mein französischer Großvater war nicht viel besser, denn er verübte als Lehrer Vergewaltigungen auf seine Schüler nachdem er selbst im kleinen Seminar „unter den Fuchteln“ der Jesuiten kam. Er benützte die Wirren des zweiten Weltkriegs, um seine Familie mit drei Kleinkinder sitzen zu lassen. In Krisenzeiten sind eben Menschen weniger resistenzfähig wenn der Populismus oder gewisse Gewalten die Oberhand bekommen. Wir befinden uns heutzutage in einer ähnlichen Situation: Neofaschismus und Neoliberalismus führen zur Selbstzerstörung der Gesellschaft. Wir müssen unbedingt grundsätzlich dagegen steuern.

Zum Schluss, eine letzte Anekdote: Am folgende Tag dieser Konferenz, fragte ich meine Tochter (11 Jahre) ob sie darunter gelitten hatte, dass ich ihr unsere Familiengeheimnisse erzählt hatte. Sie antwortete mir, dass sie zufrieden war, diese zu wissen und dass sie erwartete, dass die anderen Familienmitglieder darüber sprechen. Sie fügte hinzu : „Sie werden es müssen.“