visites

30. Mai 2012

 

Das Evangelium nach Thomas,  

eine Stärkung für die Einen, 

ein Dorn für die Anderen

 

Vorwort

Das Evangelium nach Thomas ist einer der 52 in koptischer Sprache geschriebene Manuskripte, die in 1945 bei Nag Hammadi in Süd Ägypten gefunden wurden. Es beinhaltet 114 Logien : Jesus zugeteilte Wortlaute. Die authentifizierte Aufschrift ist einer der ältesten Dokumenten, die Jesus erwähnen; etwa gleich wie die kanonischen Evangelien (Matthäus, Mark, Lukas und Johannes), die alleine von den Kirchen anerkannt sind. Letztere weigern sich dieses Evangelium mit ins neue Testament einzufügen oder gar darüber zu debattieren, mit der Begründung, dass es nichts neues beinhalte. Der Historiker Jean-Christian Petitfils gehört zu dieser Linie. Wenn auch das Evangelium nach Thomas sich zum größten Teil mit den kanonischen Evangelien überdeckt, gewinnt man einen neuen Einblick über Jesus Lehre, die vom offiziellen Christentum abweicht. Die Universität Laval von Quebec veröffentlicht eine Zeitschrift und organisiert Konferenzen in Zusammenarbeit mit hunderten Forschern über die Manuskripte von Nag Hammadi (http://naghammadi.org/). Deutsche Wissenschaftler nehmen auch Stellung auf den Internetseiten der Universität Bremen (http://). Weiterhin haben zahlreiche Literaten das Evangelium nach Thomas kommentiert. Alle Studien zeigen wie sehr es von großer Bedeutung für das Verständnis des primitiven Christentums ist.

Ich habe die Kommentare von Pierre Mestdagh studiert, der sie in flämischer und französischer Sprache auf seinen Internetseiten veröffentlicht, und jene auch von dem indischen Philosophen und Sektenguru Osho (1931-1990). Ich werde auch die „nicht-Kommentare“ von Jean-Christian Petitfils, der ein Buch in französischer Sprache mit Titel „Jesus“ veröffentlicht hat untersuchen. Und zu Letzt werden wir uns auch mit den Kommentaren der katholischen Glaubensinformation befassen.

 

Logion 1

Und er sprach: Wer die Interpretation dieser Worte findet, wird den Tod nicht schmecken. 

Wenn wir nicht sterben müssen, ist die Auferstehung unnötig. Der Körper stirbt aber die Seele bleibt lebendig.

 

Logion 3 

Jesus sprach: Wenn die, die euch (auf Abwege) führen, euch sagen: Seht, das Königreich ist im Himmel, so werden euch die Vögel des Himmels vorangehen; wenn sie euch sagen: es ist im Meer, so werden euch die Fische vorangehen. Aber das Königreich ist in eurem Inneren, und es ist außerhalb von euch. Wenn ihr euch erkennen werdet, dann werdet ihr erkannt, und ihr werdet wissen, dass ihr die Söhne des lebendigen Vaters seid. Aber wenn ihr euch nicht erkennt, dann werdet ihr in der Armut sein, und ihr seid die Armut.

Dieser Logion hat eine zentrale Bedeutung, denn Jesus verlangt Selbstkenntnis von seinen Jüngern. Weiterhin befindet sich das Gotteskönigreich überall, in uns und außerhalb. Diese Aussage ist so revolutionär, dass sie nicht verstanden wurde und somit von den Aposteln verheimlicht. Nur Lukas (17.21) gibt eine blasse Abkürzung davon, aber Paulus will nichts davon wissen, wenn auch er das Thomasevangelium zur Kenntnis genommen hatte (vgl. Logion 17 mit 1Kor 2.9). So wird eine wesentliche Jesus Aussage von den offiziellen Kirchen verstümmelt oder gar außer Acht gelassen.

 

 

Logion 13

Jesus sprach zu seinen Jüngern: Vergleicht mich, sagt mir, wem ich gleiche. Simon Petrus sprach zu ihm: Du gleichst einem gerechten Engel. Matthäus sprach zu ihm: Du gleichst einem weisen Philosophen. Thomas sprach zu ihm: Meister, mein Mund wird es absolut nicht zulassen, dass ich sage, wem du gleichst. Jesus sprach: Ich bin nicht dein Meister, denn du hast dich berauscht an der sprudelnden Quelle, die ich hervor strömen ließ. Und er nahm ihn und zog sich zurück und sagte ihm drei Worte. Als Thomas aber zu seinen Gefährten zurückgekehrt war, fragten sie ihn: Was hat dir Jesus gesagt? Thomas sprach zu ihnen: Wenn ich euch eines der Worte sage, die er mir gesagt hat, werdet ihr Steine nehmen und sie gegen mich werfen, und ein Feuer wird aus den Steinen hervorkommen und euch verbrennen.

Die Echtheit dieses Wortlauts scheint bestätigt zu sein, weil Thomas, der vermutete Autor, zurechtgewiesen wird. Dennoch werden diese drei Wörter nicht preisgegeben. Diese Eifersucht zwischen den Jüngern, die kaum in den kanonischen Evangelien erwähnt wird, zeigt eine realitätsnahe Situation.

 

Logion 22

Jesus sah Kleine, die gesäugt wurden. Er sprach zu seinen Jüngern: Diese Kleinen, die gesäugt werden, gleichen denen, die ins Königreich eingehen. Sie sagten zu ihm: Wenn wir also Kinder werden, werden wir (dann) in das Königreich eingehen? Jesus sprach zu ihnen: Wenn ihr aus zwei eins macht und wenn ihr das Innere wie das Äußere macht und das Äußere wie das Innere und das Obere wie das Untere und wenn ihr aus dem Männlichen und dem Weiblichen eine Sache macht, so dass das Männliche nicht männlich und das Weibliche nicht weiblich ist und wenn ihr Augen macht statt eines Auges und eine Hand statt einer Hand und einen Fuß statt eines Fußes, ein Bild statt eines Bildes, dann werdet ihr in das Königreich eingehen.

Diese Aussage soll nicht wortwörtlich verstanden werden, d. h., dass wir uns in Hermaphroditen verwandeln sollten. Nein, Jesus zeigt uns wie wir zur Einheit gelangen können : Gott ist nicht männlich noch weiblich. Die anderen Evangelienschreiber haben diese Botschaft nicht verstanden und haben sie deshalb schlecht aufgeschrieben.

 

Logion 28

Jesus sprach: Ich stand in der Mitte der Welt, und ich habe mich ihnen im Fleisch offenbart. Ich habe sie alle betrunken gefunden; ich habe niemanden unter ihnen durstig gefunden, und meine Seele wurde betrübt über die Menschenkinder; denn sie sind blind in ihrem Herzen. Und sie sehen nicht, dass sie leer in die Welt gekommen sind, sie versuchen die Welt auch leer zu verlassen. Aber nun sind sie betrunken. Wenn sie ihren Wein abschütteln, so werden sie bereuen (Buße tun).

Mein Gott! Wenn Jesus zurückkäme, würde er genau das Gleiche aussprechen. Wenngleich die Religionen sich auf ihn berufen, sind die Menschen immer noch trunken und kennen sich nicht selbst. Was haben denn die sogenannten christliche Religionen getan? Solange sie nicht die Geschichte ihrer Katechese untersuchen, werden sie mitsamt der Zivilisation, die aus ihr hervorgekommen ist, verfallen.

 

Logion 29

Jesus sprach: Wenn das Fleisch zur Existenz gelangt ist wegen des Geistes, so ist das ein Wunder. Aber wenn der Geist (zur Existenz gelangt ist) wegen des Leibes, so ist das ein Wunder der Wunder. Aber ich, ich wundere mich darüber, wie dieser große Reichtum in dieser Armut gewohnt hat.

Was hat nun Paulus von dieser Botschaft gemacht? Seine Spaltung von Fleisch und Geist wird glatt von Jesus widersprochen.

 

Logion 37

Seine Jünger sagten: An welchem Tag wirst du dich uns offenbaren, und an welchem Tag werden wir dich sehen? Jesus sprach: Wenn ihr eure Scham nackt gemacht habt, wenn ihr eure Kleider nehmen und unter eure Füße legen werdet, wie die kleinen Kinder, und auf sie tretet, dann werdet ihr den Sohn des Lebendigen sehen und ihr werdet euch nicht fürchten.

Die von Jesus gefragte Entsagung ist sowohl auf der materiellen als auch auf der geistlichen Ebene gemeint. Das würde ich heute die mitmenschliche Einfachheit nennen, weil die Angst vor dem Anderen und der Not ausgeschlossen ist.

 

Logion 47

Jesus sprach: Es ist unmöglich, dass ein Mensch zwei Pferde besteigt, (und) dass er zwei Bogen spannt; und es ist nicht möglich, dass ein Diener zwei Herren dient, es sei denn, er ist ehrerbietig dem einen gegenüber, und den anderen verhöhnt er. Niemand trinkt alten Wein und wünscht sofort, neuen Wein zu trinken. Und man gießt nicht neuen Wein in alte Schläuche, damit sie nicht verderben; und man gießt nicht alten Wein in einen neuen Schlauch, damit er ihn nicht verderbe. Man näht nicht einen alten Flicken auf ein neues Gewand, denn es würde ein Riss entstehen.

Unser christlicher Westen besteigt nicht nur zwei Pferde sondern mehrere Paare davon. Er will Geld und gleiche Rechte, Bequemlichkeit und Natur, Freiheit und Schutz. Es kommt die Zeit sich die Frage zu stellen. Warum hat Paulus, obwohl er dieses Evangelium kannte, nur Bruchstücke verwendet? Das Hörvermögen des Evangelisten Johannes hat auch nur selektiv funktioniert.

 

Logion 49

Jesus sprach: Selig die Einsamen und die Erwählten, denn ihr werdet das Königreich finden, denn ihr seid aus ihm gekommen, und ihr werdet dahin zurückkehren.

 

Logion 50

Jesus sprach: Wenn sie zu euch sagen: 'Woher kommt ihr?', dann sagt zu ihnen: 'Wir kommen aus dem Licht, daher, wo das Licht aus sich selbst heraus geboren ist. Es hat sich erzeugt, und es hat sich in ihrem Bild offenbart.' Wenn sie zu euch sagen: 'Wer seid ihr?', dann sagt: 'Wir sind seine Söhne, und wir sind die Auserwählten des lebendigen Vaters.' Wenn sie euch fragen: 'Welches ist das Zeichen eures Vaters in euch?', sagt zu ihnen: 'Es ist Bewegung und Ruhe.'

 

Logion 58

Jesus sprach: Selig der Mensch, der gelitten hat; er hat das Leben gefunden. 

Wenn wir aus unsere Prüfungen eine Lehre ziehen können, wächst unsere Menschlichkeit. Dieses Zitat ist auch nicht in den kanonischen Evangelien zu lesen.

 

Logion 77

Jesus sprach: Ich bin das Licht, das über allen ist. Ich bin das All; das All ist aus mir hervorgegangen, und das All ist zu mir gelangt. Spaltet das Holz, ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr werdet mich dort finden. 

Wegen diesem Pantheismus ist Jesus Häretiker geworden! Aus dem Gesichtspunkt von Paulus und seinen Nachfolgern. Jean-Christian Petitfils ist empört und behauptet, obwohl er keine Argumente vorweist, dass Jesus solche Worte nicht hätte sagen können.

 

Logion 114

Simon Petrus sprach zu ihnen: Maria soll aus unserer Mitte fortgehen, denn die Frauen sind des Lebens nicht würdig. Jesus sprach: Seht, ich werde sie ziehen, um sie männlich zu machen, damit auch sie ein lebendiger Geist wird, vergleichbar mit euch Männern. Denn jede Frau, die sich männlich macht, wird in das Himmelreich gelangen.

Laut Pierre Mestdagh ist für zwanzig Jahrhunderte christlicher Theologie die Vereinigung der Geschlechter vom Biologischen zum Geistlichen hin eine unüberwindbare Hürde gewesen. Laut Osho hätte sogar Thomas die Reziproke vergessen einzutragen: denn jeder Mann, der sich weiblich macht... Jean-Christian Petitfils wandelt die Frauenfeindlichkeit von Simon Petrus (ebenso wie die von Paulus) in einer von Jesus angenommene weiblichen Unterwürfigkeit: Somit verdreht Jean-Christian Petitfils den Sinn des Satzes, um unter anderen die Aggressivität von Paulus nicht einsehen zu wollen.

 

Die Kommentare

Osho, der in Jesus verliebte indische Guru (Kommentare des Evangelium nach Thomas, 1974)

Osho war eine intelligente Persönlichkeit mit außerordentlichem Charisma, der in den 1970-80 Jahre eine Sekte gründete, die bis zu zehntausende Anhänger zusammenbrachte. Ein paar kurze Internetrecherchen zeigen wie sehr sein Einfluss sich in Indien, Nord Europa und Vereinigten Staaten auf die in geistlicher Armut geratenen westlichen Jugend verübt hat. Um sie anzuziehen, veröffentlichte er Bücher über Jesus, das Evangelium nach Thomas unter anderen. Als Philosophie Professor von Mumbay besaß Osho ein außerordentliches Wissen über verschiedene Glaubensrichtungen, das seiner Analyse des Thomasevangeliums, in vielen Punkte, eine relevante Interpretation verleiht. Ich werde also eine kurze Analyse über sein Buch machen. Ich danke eine Bekannte, die es mir geschenkt hat. Es ist belehrend den Standpunkt eines Inders über Jesus zu lesen. Laut Thomas zeigt Osho, dass Jesus Selbsterkenntnis für besonders wichtig hält. Diese Geistigkeit des Seins, die die Innerlichkeit des Menschen im Einklang mit Gott bringen möchte, ist die neue Erkundung des Reich Gottes. Um dieses Ziel der Einheit mit dem Schöpfer zu erreichen, empfiehlt Jesus Wachsamkeit, Selbstzentrierung, Liebe, Aufopferung, usw. Somit kann ein jeder Sohn oder Tochter Gottes werden. Das Gebet sollte nicht betteln sondern danken. Die Meisten Kommentare Oshos sind zusammenhängend mit den studierten Logien, aber manche weichen von dem Gegenstand der Botschaft ab. Man merkt, dass er versucht seine eheliche Verantwortung zu entfliehen. Er scheint auf Sex ausgerichtet zu sein, obwohl Jesus Ehebruch verurteilt: Osho, wie die Jugend der 1970iger, trachtet nach Libertinage. Das Realitätsprinzip wird ihn wieder einholen, als er von Aids sterben wird. Seine Anschauung über Erziehung ist nicht Sachdienlich, wenn er behauptet, dass die von der Mutter ohne Zutun des Vaters ausreicht. Er hätte sich besser mit den Betrachtungen von dem großen indischen Dichter und Pädagoge Tagore befassen sollen. Da Thomas nicht Jesus als Christ bezeichnet und keiner der Logien die Wunder oder auch die Auferstehung erwähnen, glaubt Osho, dass die Jünger diese übernatürliche Erscheinungen erfunden haben und somit die Priesterkaste sich provoziert gefühlt hat, die darauf reagieren musste und Jesus beseitigen wollte. Für Osho sind die Wunder in seinen Worte und Taten zu finden, unter anderen dasjenige, das er auf dem Kreuz ausgesprochen hat, wo er Gott um Vergebung fragt, weil sie nicht wüssten, was sie tun.

 

Pierre Mestdagh (Vollständige Kommentare auf der Webseite http://evangilethomas-pmestdagh.be/index.htm)

Für Mestdagh wie auch für Osho sollen die von Thomas aufgeschriebenen Worte als ein bewusstseinsbildende Evangelium angesehen werden: raus aus der Trunkenheit für eine besser Selbsterkenntnis. Seine Kommentare sind nicht üppig wie die vom Inder. In Bezug zu der Einheit zwischen dem Vater und dem Geist macht Mestdagh interessante Bemerkungen (Logien 29, 30 et 44), indem er von zwei unterschiedlichen Aspekte einer einzigen Realität spricht, wo man nicht die Einheit mit der Identifizierung verwechseln sollte. Weiterhin (Logion 38) spricht er von einer Erlösung, die aus einem innerlichen Fortgang besteht. Er tadelt die paulinische Verherrlichung des Kreuzes, denn die Lehren von Jesus sind in sich selbst befreiend. In Bezug auf die Logien 81, 100 et 110 macht er den Unterschied zwischen Macht und Autorität; er bedauert, dass die Kirche sich mit der „Macht“ verbunden hat. Im Gegensatz zu der von Paulus und Petrus gepredigten weiblichen Unterwürfigkeit, zeigen die Logien 105 et 114 wie gleichbedeutend die zwei Geschlechter sind. Mestdagh bezweifelt, dass Jesus gekommen ist, um das alte Testament zu vollenden und stellt ihn eher als ein Reformer der Schrift dar. Mestdagh legt über seinem ganzen Kommentar das Akzent auf die Harmonie, um das universelle religiöse Bewusstsein zu erreichen. Meines Achtens, dank unter anderem Jesus, kann das universelle Bewusstsein aufgebaut werden, aber sie kann nicht religiöser wie auch politischer Art sein. Denn, die nötige Vielfalt der religiösen und politischen Systeme ist direkt mit der Einheit von Zeit, Ort und Tat verbunden, wenn wir wollen, dass unsere Institutionen gut arbeiten: Die Zeiten der „Pyramide“ sind vorüber. Jesus weiß, dass es immer Menschen geben werden, die die Anderen – und sich selbst – erniedrigen. Wie das offizielle Christentum verleiht Mestdagh dem Menschen moralische Eigenschaften ohne sie mit den sozialen und geschichtlichen Gegebenheiten zu verbinden. Daraus entsteht ein überirdisches Bild der Menschheit, außerhalb der Praxis. Jesus ist viel praktischer und im Einklang mit der Wirklichkeit. Mestdagh preist die innerliche Leere, die von den Buddhisten gewöhnlich im Vordergrund gestellt wird und dennoch von Jesus nicht empfohlen wird. Was auch immer ich im Einzelnen kritisiere, sind die Kommentare von Mestdagh sehr interessant und es lohnt sich darüber zu meditieren.

 

Die Nicht-Kommentare von Jean-Christian Petitfils (Jésus / Librairies Arthème Fayard, Paris / 2011)

Hier haben wir mit einer Persönlichkeit zu tun, die sich als einen unparteilicher Historiker abgeben möchte. S.19 „Fach, das sich die Wahrheit der Fakten als Ziel setzt, der Historiker soll nicht Glaubensbekenntnisse abgeben.“ Genauso für die Wunder und die Auferstehung. Er stellt gute Fragen S.11 „haben die religiöse Texte nicht, in ihren Versicherungen, das wahre Bild ihres Helden verdreht, ihre Worte vertuscht?... sind nicht... seine Brüderlichkeits- und Liebesbotschaft von den Kirchen verfälscht worden?“ Im gleichen Vorwort S.17 bezieht er sich auf die in Qumran und Nag Hammadi gefundenen Dokumente (das Thomasevangelium unter anderen). Er erkennt ihre Echtheit, aber weigert sich ohne Argumente sie zu verwenden S.18. Letztendlich, nach so vieler methodologischer Versprechen... stützt er sich nur auf die kanonischen Evangelien was Jesus betrifft. Eigentlich wird er fast nur das von Johannes vorziehen, das wahrheitsgetreuer sein sollte S.543. Petitfils beschreibt zwar mittels verschiedener Quellen einen interessanten geschichtlichen Gesamtumstand. Aber er sagt uns nur den offiziellen „Credo“ der Kirche vor, ohne zu vergessen Benedikt XVI ausgiebig zu zitieren. Obwohl er uns mit einer Flut von wissenschaftlichen Analysen über die Leichentücher von Oviedo und Turin überzieht, die nicht die Auferstehung beweisen konnten, folgert Petitfils, dass „Man alle Gründe an [ihre] Glaubwürdigkeit hat“ S.436. Ob die Auferstehung oder nicht stattgefunden hat ist zweitrangig. Viel wichtiger ist es den wahrheitsgetreuen Jesus zu finden. Wenn Petitfils behauptet, dass es nicht möglich sei, dass Jesus die Logien 77 und 114 sagen konnte S.495-496, nimmt er die Rolle eines Theologen und nicht diejenige eines Historiker an. Da wird er zum Ideologen und widerspricht somit seine erste Behauptungen. Die Bedeutung des Evangeliums nach Thomas besteht gerade in seiner Komposition von Aussagen, die sich zum großteils in den kanonischen Evangelien wiederfinden lassen (79 laut Petitfils). Meistens sind sie bildreicher, entsprechend des parabolischen Stils von Jesus. Daneben erscheinen unbekannte Aussagen, die aber gut die „Philosophie“ von Jesus ergänzen. Sie können aber den konformistischen Christen erschrecken, der bis im Knochenmark von Johannismus und Paulinismus geprägt wurde. Es ist also gerechtfertigt anzunehmen, dass diese, der intellektuellen Elite gehörende pharisäische Aposteln, die Jesusgestallt deformiert haben. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie ziemlich selektiv in der Auswahl der Reden vorgegangen sind, weil sie Schwierigkeiten mit seiner idealistischen Revolution hatten.

 

Die katholischen Glaubensinformation (Juli 2003)

Die Stellungnahme der deutschen katholischen Kirche zum Thema Evangelium nach Thomas ist eigentlich eine allgemein bekannte Beschreibung der Bibelentstehung. Sie will in der Thomas Schrift nur ein Spätwerk von lokaler Bedeutung sehen. Zum Inhalt, null Stellungnahme.

 

Schlusswort

Die erste beide Autoren geben dem Evangelium nach Thomas eine buddhistische oder hinduistische Schattierung. Meine eigene Kenntnisse über die Hindu Texte, Baghavad Gîta und Mahabarata, überzeugen mich, dass Jesus von indischer Geistigkeit beeinflusst worden ist. Im Gegensatz zum dritten Autoren und der kGi, die entweder die Thomas Schrift herabwürdigen oder kein Kommentar dazu geben, ist es mein Ziel die Neugier der Christen zu wecken, dass sie sich eingehender dafür interessieren. Tatsächlich, wenn man die Entstehungsgeschichte der Ideen untersucht, die die gesamte Menschheit durchflutet hat, wäre es nicht wunderlich, dass Jesus gewisse Aspekte der Hindu Geistigkeit übernommen hätte. Da solche für Pharisäer zu schwierig anzunehmen waren, wurde die Botschaft von Jesus gezielt zensiert aber vom einfachen Fischermann Thomas übernommen, der weiter seine Forschungen in Indien vertiefte und dort starb. Man wird mir wohl ein Übermaß an Vermutungen entgegenhalten. Ich überlasse der Geschichts- und Theologieforschung die eigentliche Aufgabe die Quellen richtig zu vergleichen, Aufgabe, die nach zweitausend Jahre einheitliches Denken erst vor kurzem angefangen wurde.

Meines Achtens, sollte das Evangelium nach Thomas eine wichtige Rolle für die Erneuerung des Christentums spielen, das in der Krise steckt. Es verleiht dem Wort eines Mannes, den man kennen glaubte, eine immense Kraft. Sogar im Falle einer etwaigen Verfälschung ist sein Inhalt grundlegend schön. Diese geistliche Schönheit stiftet Vertrauen und erwärmt unser Herz. Ob Thomas oder Jesus oder ein Anderer es gesagt haben sollte ist zweitrangig, weil es unseren Gedanken eine neue Stärkung verleiht. Trotz der offiziellen Ausflüchte, sollten die zukunftsgerichtete Christen sich dieser Schrift bemächtigen.