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16. November 2010

 

Die Liebe von Tristan und Isolde,

Gründungsmythos des Abendlandes

nach dem „Traktat über leidenschaftliche Liebe (Amour-fou)“

von Michel Clouscard

 

Vorwort

Dido und Äneas, Heloise und Abälard, Romeo und Julia: Unsere abendländische Mythen sind voller Liebesgeschichten. Die Dichter und Komponisten sind großzügig mit unsere Tränen umgegangen, um über diese fabelhaften Liebesbeziehungen zu trauern. Auch wenn die Mediengesellschaft unsere Gefühle zugunsten der Emotionen abschwächt, kennen Einige noch den Wert der Empfindsamkeit. Michel Clouscard, als guter Kenner des Mittelalters, zeigt wie der Mythos von Tristan und Isolde (T&I) eine grundlegende Rolle sowohl für die Mann/Frau Beziehungen als auch für unser politisch-wirtschaftliches System gespielt hat. Die Mythen verbergen einen Gesellschaftsplan. Die Entmystifizierung von Clouscard ist keineswegs miesmache, denn sie gibt uns den Schlüssel für die universelle Bedeutung ihrer Liebe. Dieser Vortrag besteht im wesentlichen aus einer Synthese seiner Ideen, den ich mit meinen eigenen Kommentaren ergänze.

 

Vorspiel: Der Stoff der Dramaturgie

Um die 400 unserer Zeitrechnung, will Tristan, Adoptivsohn von Mark, König von Kornwall, in Irland Kriegführen, wo er den Klanführer Morholt tötet. Während der Kämpfe, wird Tristan schwer verletzt. Isolde, Frau und Nichte von Morholt, nimmt den schwerverletzten auf, verliebt sich in ihn bevor sie seine Identität erfährt. Anstatt ihn zu töten, pflegt sie ihn. Sobald geheilt, fährt Tristan wieder nach Hause und schlägt Mark die Heirat mit Isolde vor, um die zwei Länder zu vereinen. Tristan fährt nach Irland zurück und bringt Isolde mit, nach dem er einen Drachen getötet hat. Auf dem Schiff, trinkt er aus Versehen einen Liebestrank, der ihn zur Liebe für Isolde bewegt. Nach der Heirat mit Mark, flüchten die verrückt Verliebten in den Wald. Nach einigen Monaten, findet Mark sie wieder und bietet seine Verzeihung, die von den Liebhaber angenommen wird. Tristan wird nach Bretagne verbannt und heiratet aus Verdruss die Tochter des Königs. Isolde kommt ihm aber nicht aus dem Sinn und er sucht in heroische Kämpfe den Tod. Isolde erfährt, dass Tristan sterbend liegt und überquert heimlich den Ärmelkanal, um mit ihm zu sterben. In einer Fassung der Minnesänger, besteht das Verhältnis zwischen T&I nach der Waldepisode. Weil die Umstände zu riskant werden, flüchtet er in die Bretagne, wo er nach zahlreichen Schlachten tödlich verletzt wird.

 

Erster Akt: Wie kann Liebe zur Welt kommen?

Ein Mythos darf nicht die Botschaft klar verkünden, sondern sie in das Unbewusste und in unseren Alltag einflössen. Der Mythos von T&I zeigt wie man sich von dem alten Verwandtschaftsverhältnis (Blutrecht – Endogamie) entledigt, um eine geistige Verbindung einzugehen. Es ist die „umgekehrte Familie“, die es erlaubt seine Angehörige selbst auszuwählen, dass zum Feudalsystem führt. Die Kirche und der Adel wird aus der monogamen Exogamie einen Mittel zur Macht entwickeln. Der Mythos verwandelt die natürliche Geburt in eine geistige Wiedergeburt: Der symbolische Tod von Tristan und seine Wiedergeburt unter Isoldes Pflege. Die verrückte Liebe ist eine Praxis der feudalen Klasse als Mittel zur Erfüllung des Christentums. Um das landwirtschaftliche Einkommen durch den Frieden zu sichern. muss Tristan Kriegs- und Hofdienst leisten, indem er die umgekehrte Familie gründet. Entgegengesetzt dazu, ist der Krieg der Barbaren ein Mittel, um die Produktionsengpässe wie auch die Frauenverkehrsengpässe zu lösen: Versklavung und Razzien. Tristan muss also Morholt töten. Isolde, ihrerseits, befreit sich von der Alten Welt, wird zur Prinzessin aber auch die Einzige durch die Monogamie. Aber der Mythos übertrifft diese Dimension. Um eine herrschende Klasse zu gründen, müssen drei sich beteiligen: zwei Männer, eine Frau. Die drei gesellschaftliche Rollen haben eine „Basiszelle“ gegründet, die sich reproduzieren wird. Die Frau spielt nun die zentrale Rolle der politischen Ordnung. Nach Isolde, werden sich die Frauen der Regel unterwerfen müssen. Dennoch ist die neue persönliche und politische Stellung der Frau einen Fortschritt gegenüber der Vorigen. Isolde stellt die historische und dialektische Suche von Tristan dar, und erzeugt eine beispiellose Umkehrung des Geschichtsverlaufs. Die 68ger Kultur hat in der Haltung von Tristan einen Kampf gegen den Vater, eine Anfechtung der festgefügten Ordnung sehen wollen. Der Irrtum der Psychoanalyse besteht darin, dem Vater zuzuschieben, was der Geschichte gehört. Bei der Überbewertung des Liebestrankes, möchte die bourgeoise Kultur in der Liebe eine irrationale, unvorhersehbare, seltene, subtile, unbegreifliche Substanz sehen, die nur von Göttern und Dichtern verstanden wird. Die Liebe ist dagegen eine Historische Praxis (eine zweckorientierte Tat). Die soziale Bestimmung erlaubt zwar einen kleinen Freiraum, aber dieser individuelle Freiraum ist nicht bestimmend. Isolde, als erste „befreite Frau“, verfügt über zwei große Räume: der Übergang von der Endogamie zur Exogamie und der Übergang vom Stammeswesen zur der sozialen Klasse, die ihr erlaubt die internen Gegensätzen jeder Proposition gegeneinander auszuspielen. Sie kann also mit verdeckten Karten spielen, das Spiel bestimmen, um ihre persönliche Strategie durchzusetzen. Sie entscheidet nicht über den Kern der Sache sondern über deren Form. Indem sie sich von dem Klan befreit, kann sie als Frau in und durch der feudalen Ordnung handeln und entscheiden. Der Mythos von T&I ist nicht die Verkündung des Wunderbaren oder des Subversiven, sondern die der Unterwerfung der Alten Welt. Die verrückte Liebe ist nicht das verhängnisvolle Schicksal, sondern der Fortschritt der Geschichte. Er ist von dem Demonismus der Königsfrau verursacht. Die Strukturalisten, unter Levy-Strauss, verbieten die Untersuchung der enormen geschichtlichen Mutation, dass der Übergang von der Endogamie zur Exogamie, von dem Stamm zum Klassensystem hervorgebracht hat. In unserer Gedanken- und Gefühlswelt ist dieser Tatbestand aus dem Weg geräumt. Somit, ist der Sinn der Geschichte verneint. Man geht von einem Ödipussystem zu einem anderen Ödipussystem über. Dank der geistigen Verbindungen erblüht dennoch der menschliche Fortschritt und die Freiheit in Richtung einer Gefühlswelt von universeller Bedeutung. Das Zeitalter des Alten Menschen findet ein vergleichbares Moment während der französischen Revolution: Mit der theoretischen Arbeit von Rousseau, erledigt die Aufklärung den Alten Menschen der Monarchie. Die „neue Heloise“ von Rousseau und der Mythos von T&I haben das Universelle erreichen können: Eine Revolution im Bereich des Vernünftigen und der geistigen Verbindungen außerhalb der geschlossenen Gesellschaft. Tristan ist der perfekteste Verführer, indem er alle entgegengesetzte Verführungseigenschaften zusammenfasst: spielt mit der Lyra und mit dem Schwert, Träumer und Mann der Tat, verletztes Kind und Sieger, kokettierend und sublime Opferbereitschaft. Die objektive Verführung ist immer noch aktuell. In der Straße, in den Verkehrsmittel, im Büro sind wir von einer erotischen Latenz umgeben, die uns erlaubt, das von den Medien formatierte Eros auszuleben. Man träumt nur die Träume der Anderen, Traum den der freiheitliche Liberalismus uns vorschreibt. Anstatt zu trauern und Tristan zu hassen, denn ihr ödipisches Reproduktionssystem ist zerstört worden, besitzt Isolde den Mut zu einem neuen Status zu gelangen. Der Hass verwandelt sich in Liebe. Isolde vollendet die Abschaffung des Ödipus. So wurde die Liebe erfunden. Jede Fortschrittsdynamik ist die Verneinung der ursprünglichen Festlegung. Die Geschichte der Liebe, der verrückten Liebe, ist die reziproke Erzeugung der Politik und der Gefühlswelt. Während König Marks Heiratsantrag, behandelt Tristan Isolde von oben herab, wobei die früheren Gefühle links liegengelassen werden. Obwohl Isolde den Antrag annimmt, ist sie entschlossen Tristan zu lieben, auf die Gefahr hin die Klasseneinheit aufzulösen. Man solle nicht darin eine Liebe-auf-den-ersten-Blick mit Hilfe eines Liebestrankes sehen. Isolde empfindet diesen von Tristan durchgesetzten Verbot als eine unerhörte Gewalt, die man ihr antut: Eine Art männlichen Demonismus. Der Eros und das Verbot müssen sich auf ein Zusammenleben einstellen. Es ist weder ein religiöses Interdikt, das unerbittlich ist und keine Begrenzungen kennt, noch ein ödipisches Verbot. Das Klassenverbot verlangt, dass Isolde den König Mark heiratet, aber Tristan kann sein Geständnis ablegen: Ein Kompromiss zwischen dem Eros und dem Gesetz. Die liebe gestehen, aber dabei bleiben: Der Platonismus, um die Übertretung zu Kontrollieren und zu verhindern. Isolde kann dennoch nicht stehenbleiben und fühlt einen unwiderstehlichen Drang diese Liebe auszuleben, die zu einen „Gut“ wird, dass sich mit der Teilung vermehrt.

 

Zweiter Akt: Wie kann die Liebe dauern?

Die Liebe muss verkündet werden, um die Alte Welt zu beerdigen. Sie ist eine Belohnung für denjenigen, der nein zur Endogamie sagt. Die Sippenführer wollen T&I diskreditieren. Erscheint Merlot, der Verräter. Als frustrierter, will er zum Zeitalter der Klans zurück. Folglich, sind die Mächte von der Flucht der Liebhaber befriedigt. Die „Welt“ gibt der verrückten Liebe ihre Einwilligung, wenn die Liebhaber auf ihre Vorrechte verzichten. In den Wald flüchtend, muss die Liebe lernen Überlebensbedingungen stand zu halten: konfrontiert mit dem Wirklichkeitsprinzip, werden T&I zur Beute. Außer Königin und Ritter zu sein, können sie nichts machen. Sie können nicht wie Robinson leben: Die Liebe verwelkt. Der König Mark interveniert vor Zeugen als er politische und Liebeszeichen gibt: Während dem Schlaf der Liebhaber, tauscht er Tristansschwert mit seinem ein. Die Folgen sind die feudale Herabsetzung und die Abhängigkeit; Mark lehnt dennoch jegliche Rache ab. Das Vergebung der Fehler erlaubt einen Platz in der Gesellschaft wieder zu finden. Weiterhin, fügt Mark seinen Handschuh in den Hüttendach, um Isolde zu beschützen: Der König erreicht das Sublime, weil er seine Liebe schenkt. Es bedeutet einen entscheidenden Schritt gen Fortschritt der Geschichte. Hiermit wird gezeigt, dass die Politik auf der Liebe einen Einfluss ausübt und umgekehrt. Der König erkennt die verrückte Liebe an, die selber ihre Grenzen akzeptieren muss. Die königliche Vergebung trägt in sich den Bruch zwischen den Liebhaber, ohne sich einen Moralkodex von außen aufzwingen zu lassen, sondern seinem eigenen Bewusstsein zu folgen. Angesichts der materiellen und geistigen Begebenheiten, muss die verrückte Liebe sich beugen. Die Liebe, das sind die Anderen, das ist die Arbeit der Anderen, die ihre Freiheit erlaubt. Die Leidenschaft ist nur eine profitierende Missbildung der universellen Werte. Die agapê (geistige Liebe) hat auf den Ehebruch Vorrang. Tristan ist verbannt und muss heiraten: den Bruch mit Isolde bezeugen. In der degradierten Minnesängerfassung, wo das Verhältnis nach der Rückkehr am Hof weiterbesteht, wird die Geschichte zu einer hörneraufsetzenden Komödie. Man wird Zeuge von dem abgedroschenen Verrat der Liebe. Für die romantische und romanesque Bewegung, soll die verrückte Liebe über und sogar gegen das Gesetz sein. Heute bilden sich die Paare durch schlagartige Anziehungskraft oder aus Bequemlichkeit. Der Ehebruch ist nur die Abwandlung der minnesängerischen und Romanmode. Aber in der ursprünglichen Fassung, wo sich T&I der beschaulichen Liebe hingeben, stoßt der Mythos zum christlichen Imperativ. Die fleischliche Sünde ist zwar verboten, doch ist die Liebe erlaubt und sogar empfohlen. Das Christentum setzt in der intimsten, erotischen und Gefühlswelt das Interdikt durch. Die gesetzlose Liebe, wenn sie beharrt, endet in der vom Liberalismus empfohlenen Pathologie. Kann man lange dem innigen Verbot die Stirne bieten? Demjenigen der verzeiht hat? Dem Freund oder dem Ehemann? Das Gewissen ist im Begriff auf ihre Rechte und Pflichten zu pochen. Es ist das Phänomen der Errungenschaft des Unbewusste, dass das Gewissen des modernen Menschen produziert. Dieser Trennungsvorgang ist in zweierlei Weise von der Geschichte begrenzt, von unten her durch die Arbeit, von oben her durch die agapê und die Vergebung, die gewaltig die verrückte Liebe überragen. Die Liebe kann nur dauern wenn sie gen das Absolute schreitet. Sie ist nicht nur Begierde und Gefühl. Das Geniale am Mythos von T&I ist die Gliederung zwischen die Begierde, der Gefühlswelt und der agapê, indem das Universelle erreicht wird. Von der bourgeoisen Ideologie verkannt, Wagner wird dennoch die Problemstellung besser als Proust verstehen. Letzterer schwimmt in dem mondänen Individualismus der Verführung, wogegen T&I sich in einem sozialen Prozess befinden. Der „Wilde“ erfährt das Verbot durch die Einweihungsriten. Der primitive Christ befindet sich in der von der Politik ausgeschlossenen Innerlichkeit (Gib Cäsar...). Die Feudalgesellschaft erzeugt das moderne Bewusstsein der Liebe und der Politik. Zum ersten Mal in der Geschichte, besteht ein dialektisches Verhältnis zwischen die Innerlichkeit und die Äußerlichkeit, der Subjektivität und dem Institutionellen. Die von dem freiheitlichen Liberalismus empfohlene Verbotsliebe ist ein Nonsens, wogegen das Gewissen das Verbot akzeptiert. Vom Gesichtspunkt der Psychoanalyse, geschieht wohl ein Vatermord (Morholt) und ein geistiges Inzest: Sie haben aber zum Zweck den Ödipus der Alten Welt zu liquidieren, um die Freiheit zu erobern. Jenseits des Ödipus, besitzt die umgekehrte Familie eine universelle Bedeutung. Jeder Mann ist ein Rivale und ein Vater, jede Frau ist eine Mutter und eine mögliche Geliebte. Die Liebe zum Sohn versöhnt die Gegensätze. Der Mythos von T&I beweist es.

 

Dritter Akt: Wie kann die Liebe sterben?

Tristans Tod ist ein christlicher Tod im Dienst des Feudalismus. Sterben gibt der Agonie einen Sinn. Es kann eine Tat sein, die den Übergang vom Leben zum Tod bejaht. Der Mythos fasst die individuelle Freiheit und die Unerbittlichkeit des Gesetzes zusammen. Tristan stirbt als Gläubiger, Gläubiger der Liebe. Der Liebe schenkt er sein Leben. Bei Wagner, kommt Isolde rechtzeitig, es ist die Auferstehung der Liebe – die selbst ergründete Liebe –, die Auferstehung der griechischen psuchê, der Treue. Durch den gemeinsamen Tod, behauptet die Liebe das Absolute. Sie ist der weltliche Ausdruck der Auferstehung, der ewigen „Rückkehr“. Rousseau formuliert eine positive Synthese der Liebe, die den feudalen Mythos und die Romansentimentalität übersteigt. Die sterbende Julie will die politische Gemeinde von Clarens fortbestehen lassen, indem sie die zwei verwitwete Claire und St Preux verheiraten möchte. Der Erbauungswille ist die Verführung selbst, die perfekteste ästhetische Ausdrucksform. Sie ist das Schöne, als Form der Gesellschaftsausübung, die von der religiösen und moralischen Erbauung zu unterscheiden ist. Schiller und Hölderlin sind sehr von der rousseauschen Botschaft beeindruckt gewesen. Man muss sterben lernen nachdem man zu leben gelernt hat: es ist ein Ganzes. Nach dem kriegerischen Tod, der von den Barbaren glorifiziert wurde, ist nun der schöne Tod, dank der Liebe, vorgezeigt. Eines liebevollen Todes sterben: eine unendliche Zärtlichkeit. Da die Liebe das bestmögliche Leben ergibt, ist sie dann auch das beste Sterben. Laut Spinoza ist: „die Weisheit nicht die Meditation über den Tod, sondern über das Leben“. Für Rainer Maria Rilke, « O Herr, gieb jedem seinen eignen Tod. Das Sterben, das aus jenem Leben geht, darin er Liebe hatte, Sinn und Not. » Dagegen behauptet die Romantik, dass die Liebe unmöglich ist, das sie der totale Bankrott ist, der nur zum Tod führen kann. Die geniale Einzelperson kann ja nicht in der „konformistischen“ Gesellschaft leben: „Es lebe der Tod“ ist eine liebe zum Tod, zum Nichts. Der Romanheld hat keine Zeit sich um den Tod zu kümmern. Der Mythos bietet weder den christlichen Tod (Jesus), weder den weisen Tod ohne Auferstehung (Sokrates). Die Mutter-Geliebte kann nur sterben nach dem Tod ihrer Liebe, um den Sohn vor seinem eigenen Tod zu retten. Es wurde derjenigen, die die Liebe erfunden hat, durch ihren Entschluss zu lieben, gegönnt in der Anmut der Liebe zu sterben, durch ihren Entschluss zu sterben. Durch den Übergang von der Liebe der Begierde zu der Liebe des Anderen, schenken T&I der psuchê das ewige Leben. Wenn die Entsagung gesichert ist, wird die Versenkung zur Auferstehung! Es wird dann leicht sich von dem zu lösen, dass die psuchê schon aufgegeben hat, selbst wenn sie besitzen wollte. Diese wichtige Schritte sind die der Errungenschaften des Bewusste und des Unbewusste des Abendlandes, die den Ursprung unserer Innerlichkeit bildet. Für die weltliche Hoffnung ist die psuchê das entscheidende Moment; sie will zum bestmöglichen Leben dank der Geschichte werden. Der Beweis ist nicht mehr durch die Offenbarung im Jenseits, sondern im Schöpfungsvermögen des Menschen zu finden. Die psuchê, die ihr vollkommenes Dasein erreicht hat, diese psuchê sei ewig. Es ist nicht mehr Gott, der die Liebesursache ist und die Liebe gewährleistet, sondern die menschliche Liebe, die, in ihrer Vollkommenheit, das oberste Wesen „verlangt“. Gott ist in doppelter Weise postuliert: durch die menschliche Arbeit, die den Abstieg der „himmlischen Jerusalem“ erstrebt und durch die menschliche Liebe, die sich in der „ewigen Zärtlichkeit“ wieder finden möchte. Weder die Literaten, weder die traditionelle Auffassung, weder die Neukantianer (Sartre & Co), weder das rechte, weder das linke Gedankengut konnten das Mythos begreifen.

 

Und die Liebe morgen?

So verkündet Michel Clouscard die „gute Mär“: die große Liebe ist möglich! Es genügt sein Bewusstsein und sein Gewissen einzusetzen. Wir, die unter dem Einfluss der minnesängerischen, romantischen und konsumbeschläunigenden Zauberer waren, wir verzweifelten über die Existenzfähigkeit der Liebe. Der menschliche Fortschritt ist ein grundlegender Begriff, um die archaischen Ausdrucksformen zu überwinden, die heute unerlässlich versuchen aufzutauchen: die rückläufigen Erscheinungen des Christentums (Zölibat der Priester, Sektarismus, usw.) und des Islams (starre und rückschrittliche Kodifizierung), der Neonazismus (Blutgesetz) und die abstumpfenden Medien. Diese empfehlen die totale Freiheit, die uns direkt in der blutgierigen Rohheit führt. Die Menschen, die Frauen insbesondere, haben alles zu verlieren, wenn sie sich dem Liberalismus hingeben, ohne auf das Verbot achtzugeben.. In einer freien Gesellschaft, wird „das Spiel“ von den Frauen, auf Isoldes Spuren, zum Teil verwischten Spuren, bestimmt. Rousseau sagte, dass von den Frauen die Sitten der Männer abhängen. Wenn sie von dieser Verantwortung bewusst sind, dann kann ein ausgeglichenes Verhältnis entstehen. Die sublime Liebe von T&I kann sich auf unser Familien-, auf unser Freundeskreis, auf dem Kosmos ausdehnen. Die Welt lieben, heißt an ihrer Ewigkeit teilzuhaben. Wir haben noch viel Schönes in unserem Bewusstsein zu entdecken. Dennoch reißt unsere Welt nicht nur in den Mann/Frau Beziehungen, sondern auch in wirtschaftspolitischer Hinsicht auseinander. Unserer materialistischen Gesellschaft geht der Atem aus: Der Vergleich mit dem klanischen, irrationellen Alten Mann ist voll aktuell. Den einen oder anderen Tag wird ein junges Paar einen neuen Zivilisationsentwurf verkörpern. Es würde mich nicht erstaunen, dass diese Liebe sich von dem Pyramidalen und dem Materialismus abwenden wird, um das demokratische Netzwerk zu bevorzugen, dass die Menschen und die Natur respektieren wird. Es bleibt noch die Geschichte zu erzählen, in der eine junge Frau sich mit Leib und Seele der Gründung einer neuen Zivilisation hingibt. Dank ihres Mutes, wird ein menschlicher Fortschritt, eine bessere Zukunft möglich.

 

Mehr darüber:

Traité de l'Amour-Fou, Michel Clouscard, Editions sociales, Paris, 1993